Vom Vergessen bedroht: Überlegungen zu Wolfdietrich Schnurre
von
Mathias Adelhoefer
zuerst veröffentlicht in: Er bleibt dabei: Schnurre zum 75. Erinnerungen und Studien. Hrsg. von Ilse-Rose Warg. Paderborn: Igel Verlag, 1995. S. 276-288.
Ohne übertreiben zu wollen, kann man den Lebensweg Wolfdietrich Schnurres in mancher Hinsicht als tragisch bezeichnen. Er teilt nicht nur das Schicksal seiner Generationsgenossen, durch Krieg und Nachkrieg seiner frühen Erwachsenenjahre beraubt worden zu sein. Während der Zeit des Zweiten Weltkrieges erhielt er eine von den damaligen Machthabern ganz und gar unbeabsichtigte "nachhaltige moralpolitische Erziehung" 2, die ihn zeit seines Lebens eine pazifistische Haltung einnehmen ließ und ihn für Ungerechtigkeit und Gewaltanfälligkeit sensibilisierte. Durch die Kriegserfahrungen hervorgerufene Angstträume und ein tiefsitzendes Schuldgefühl begleiteten ihn nicht nur in den ersten Nachkriegsjahren. Zu den Schwierigkeiten seiner "dritten Geburt", den ersten Wochen und Monaten nach Kriegsende, schrieb er 1962:
Wie genau Schnurre sein Schuldgefühl abarbeitete, Buße leistete für das, woran "wir [...] schuld [waren] und dennoch übriggeblieben sind" 4 - das herauszufinden, wäre Aufgabe einer Studie, die sich auch nicht vor einer psychologisierenden Deutung seines Werkes scheute. Mich sollte es nicht wundern, wenn eine solche Studie sogar den Weg zu einem Filmskript ebnen würde: "Schnurres Leben demnächst auf Video" - nur ein kühner Germanistentraum? Steven Spielberg führte mit seiner Geschichte Oskar Schindlers kürzlich vor, daß das Publikumsinteresse an der jüngsten deutschen Vergangenheit alles andere als abgeklungen ist. Spielbergs Verdienst besteht nicht zuletzt darin, einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewußtsein gebracht zu haben, daß Oskar Schindler in Deutschland kein sichtbares Andenken bewahrt wird, während sein Name in Tel Aviv und New York in Ehren gehalten wird. 5 Sollte es Schnurre eines Tages genauso gehen, daß sein Name in Israel oder Amerika Institute oder Plätze schmückt, während er in Deutschland schon vergessen ist?
Wie sehr Schnurres Obsessionsthema der Schuld bzw. deren Verdrängung signifikant für Schnurres Generation und immer noch aktuell ist, zeigte kürzlich auch die neuerliche Diskussion um den mysteriösen Tod Petra Kellys und Gert Bastians. Zeitungsberichten zufolge soll der im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront eingesetzte Offizier Bastian durch die Freundschaft mit der ethisch kompromißlos strengen Kelly "a kind of redemption for his sins"6 gesucht haben.
Bei Schnurre konnte man in fiktionalisierter Form schon vorher davon lesen, welche Folgen ein wiedererwachtes Schuldgefühl haben kann. In der Erzählung "Die Tat" etwa, die zu einer der am häufigsten abgedruckten Schulbuchgeschichten Schnurres zählt, verknüpft er die Liebe zur Kreatur geschickt mit dem Problem der Menschlichkeit und dem Krieg. In einer seiner Dialoggeschichten mit dem doppeldeutigen Titel "Die Umkehr" (in Ich brauch dich, 1976) zeigt er, wie leicht das Schuldgefühl zum Schweigen gebracht werden kann, besonders wenn ein Mitwisser, hier die Frau der Hauptfigur, dabei hilft. Sie weiß es zu verhindern, daß Theo sich wegen einer lange zurückliegenden Unrechtstat den Behörden stellt. Schnurre gelingt hier eine Aktualisierung des Schuldthemas, indem er es mit dem Thema der Ausländerfeindlichkeit verbindet. In dem Roman Ein Unglücksfall (1981) gelangt der Glasermeister Goschnik zu der Einsicht, daß er mit der Verglasung der Synagoge seine Schuld zwar sühnen, aber nichts wiedergutmachen kann. 7
Karl Krolow spricht in seiner "Laudatio auf Wolfdietrich Schnurre" anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises 1983 davon, daß es in Schnurres Leben "Herausforderungen [gab], die Tod und Krankheit, Leiden und Sorgen und langsame Genesung hießen"8 und er ein insgesamt "schwierig zu bewältigende[s] Leben" hatte.
Nach der Teilung Berlins am 13. August 1961 setzte Schnurre, einem modernen Don Quichotte gleich, alle Hebel in Bewegung, um seine Zeitgenossen im In- und Ausland zu Stellungnahmen gegen diese Unrechtsmaßnahme zu veranlassen. Von seinem Vater, seinen Freunden und der Osthälfte Berlins getrennt, reagierte er schonungslos emotional, so daß es im Juni 1964 zum völligen körperlichen Zusammenbruch und zur Polyneuritis kam.9 Man kann nur erahnen, was es für Schnurre als Schriftsteller bedeutet haben mag, als Folge der Totallähmung ein Jahr lang nicht schreiben zu können, und man bewundert seinen "zähe[n] Lebensmut"10, die schwere Krankheit zu überstehen und wieder zu lernen, einen Stift zu halten.
Daß er das Lachen trotz aller Anfechtungen nicht verlernte, mag man als Zweckoptimimus bezeichnen - eine bewunderungswürdige Haltung war dies allemal. Nur zu gerne erinnere ich mich an eine öffentliche Lesung Schnurres im August 1987 in Berlin, als er, von den Folgen der Polyneuritis gezeichnet, leicht schlurfend und gebeugt auf das Podium trat. Der Kontrast zwischen seiner äußeren Erscheinung - hager, gebeugt, zerbrechlich - und seiner kraftvollen, fast jugendlichen Stimme beim Lesen konnte größer kaum sein. Man merkte, welch großen Spaß ihm die Veranstaltung machte, wie sehr er es genoß, aus seiner Dichterklause herauszukommen und den sprichwörtlichen Funken seiner dichterischen Phantasie im Publikum zünden zu sehen. Sein fabulierender Charme war ungebrochen, seine Lebenserfahrung flößte Respekt ein, und die Zuhörer, auch viele junge Menschen, hingen an seinen lachenden Lippen, wenn er von seiner Liebe zum Leben sprach.
Früh als "Meister der kleinen Form" festgelegt, vermochte er es eigentlich nie, dieses Etikett abzuschütteln. Noch immer gilt Nussers Einschätzung aus dem Jahre 1986, daß Schnurre "zu den verkannten Autoren der Gegenwart"11 zählt, und sicherlich hängt das hauptsächlich damit zusammen, daß Schnurre einer der "vielseitigsten und unbequemsten"12 deutschen Nachkriegsautoren war. In einer Mischung aus Koketterie und Traurigkeit schien sich Schnurre an die Position des verkannten Autors gewöhnt zu haben: "An einem verkannten Autor gibt es immer mal wieder etwas zu rücken. Der erkannte Autor dagegen drückt unverrückbar den Sockel"13.
Mit dem "Roman in Geschichten" (Untertitel) Als Vaters Bart noch rot war (1958) gelang ihm sein wohl bekanntestes Buch, das Walter Jens in Die Zeit schwärmen ließ:
Die sinnlich genaue Prosa der liebevoll erzählten Abenteuer Brunos, des jungen Helden, im Berlin der dreißiger Jahre verhalfen dem Buch auch zu einem kommerziellen Erfolg. Der Auftakt des Bandes zeigt Schnurre von seiner erzählerisch besten Seite: Wie hier unterschiedliche Sinneseindrücke zu einem stimmigen Berliner Frühlingsbild zusammengemischt werden, ist vom Feinsten:
Als ich runterging an dem Morgen, standen überall die Flurfenster auf, und es roch im ganzen Haus nach Seifenlauge, Karbolineum und Scheuertuch. Es war Ende März und in den Nächten oft noch sehr kalt, aber jetzt prallte die Sonne aufs Pflaster, und überall auf den Höfen bellten die geprügelten Teppiche los, und das S-Bahn-Geräusch kam viel klarer vom Hochbahnhof rüber als sonst, und auch in der Stimme des Lumpensammlers, der auf der Straße nach Altpapier schrie, lag es drin, und sogar die Glocke des Milchmanns klang anders an dem Morgen.15
Bis zur Veröffentlichung des Schattenfotografen (1978) kämpfte er lange Jahre um literarische Anerkennung und hielt sich in einer "Gratwanderung zwischen Schreibtisch und Kasse"16 mit Hör- und Fernsehspielen über Wasser: "Mit Drehbuchschreiben kann man Bücherschreiben bezahlen"17, bemerkte er in diesem "Jahrhundertbuch"18. Die Einnahmen aus den Drehbüchern reichten jedoch auch nicht, um Schnurre zu einem "gemachte[n] Mann"19 werden zu lassen, sie wurden sogleich von den Nachforderungen des Finanzamtes verschlungen.
Schnurres drei Ehen scheiterten. Von seiner ersten Frau trennte er sich nach sieben Jahren Ehe. Seine zweite Frau nahm sich 1965 das Leben. Und von seiner dritten Frau lebte er in seinen letzten Lebensjahren getrennt.20 Schnurres fast schon manische Arbeitswut ließ es nicht zu, Schreiben und Familienleben unter einen Hut zu bringen: "Ein blutsaugerischer Vampir ist die Literatur"21, war denn auch das bittere Fazit Schnurres. In einem 1982 geführten Gespräch mit Margit von Waltershausen gestand er auf die Frage, wie viele Arbeitsstunden er habe: "Ungeheuer viel. Es ist zu viel. 16 Stunden im Schnitt"22. Nach Schnurres Überzeugung ist
Diese Schwierigkeiten ließen in Schnurre ein Schuldgefühl entstehen, das ihn zwischen der Familie und der Rolle des "geborenen Literaten"24 hin- und herriß. Seine Äußerungen zum literarischen Schaffensprozeß sind denn auch widersprüchlich. Einerseits suchte er die Isolation und behauptete, ungestört am besten arbeiten zu können25, andererseits sehnte er sich nach dem 'prallen Leben' um sich herum:
Zu der ersehnten und geplanten Rückkehr aus dem schleswig-holsteinischen Felde bei Kiel in sein geliebtes Berlin kam es ebenso wenig wie zu dem "großen Wurf", den er in einem Interview dreieinhalb Jahre vor seinem Tod so ankündigte:
In seinem Werk kämpft Schnurre auf vielfältige Weise gegen das Vergessen an, insbesondere das Vergessen der jüngsten deutschen Vergangenheit. Er selber aber ist schon fünf Jahre nach seinem Tod ein Autor, der kaum noch Beachtung findet und vom Feuilleton sowie von der Germanistik auf seltsame Weise vernachlässigt wird. Zwar finden sich für Schnurre immerhin 33 Einträge im Verzeichnis lieferbarer Bücher,28 läßt man aber die Doppelnennungen sowie seine Kinderbücher fort, ist Schnurres Werk nur noch in 16 Bänden erhältlich. Seine Hörspiele29 sowie seine zwei Berlin-Bücher30 sind bereits seit Jahren nicht mehr neuaufgelegt worden, und es steht zu befürchten, daß die Präsenz seiner Texte noch weiter abnehmen wird. Eine kritische Ausgabe seiner Werke sowie die Herausgabe des Nachlasses, von einer Gesamtausgabe oder einem Schnurre-Lesebuch mit seinen besten Texten ganz zu schweigen, stehen nicht zuletzt aufgrund von Verlagsproblemen noch aus. Einerseits gibt es bei den Verlagen noch alte Rechnungen wegen Vorauszahlungen zu begleichen, andererseits will kein Verlag im vereinigten Deutschland das vermeintliche Risiko einer Werkausgabe bzw. die Herausgabe des Nachlasses übernehmen.
In der germanistischen Forschung sieht die Lage kaum besser aus: Eine Biographie zu Schnurre und eine Bibliographie zu seinem Werk fehlen noch immer und sind auch nicht ernstlich geplant. Die Arbeiten von Rainer Lambrecht31, Mathias Adelhoefer32, Ilse-Rose Warg33 und Katharina Blencke34 haben zwar einen ersten systematischen Grundstock gelegt, aber es bedarf weiterer Anstrengungen, das Lese- und Forschungsinteresse an Schnurre zu stimulieren und Schnurre einen seiner Leistung gebührenden Platz in der deutschen Nachkriegsliteratur zuzuweisen.
Schaut man sich neuere Veröffentlichungen an, muß man mit einiger Verwunderung feststellen, daß Schnurre aus dem zeitgenössischen literaturhistorischen Bewußtsein fast völlig verschwunden ist. Ein Beispiel dafür ist die 1994 in Reclams Universal-Bibliothek erschienene, für den Unterricht zusammengestellte, Sammlung von Außenseiter-Geschichten.35 Woran mag es liegen, daß ein Autor, der zahlreiche literarisch gekonnte Außenseiter-Geschichten verfaßt hat, in einer solchen Sammlung fehlt?36 Ein Grund dafür mag darin liegen, daß Schnurre gegen jede "Bündelung"37 war und sich frühzeitig vom Literaturbetrieb verabschiedete. Bei der Gruppe 47 blieb er ein sporadischer Gast, und aus dem deutschen PEN trat er 1961 als Reaktion auf dessen Schweigen zum Mauerbau aus. Aber nicht nur die generelle Aversion gegen alle Gruppenveranstaltungen veranlaßte ihn, sich zurückziehen: "Mich hat die Literatur zum Außenseiter, zum Einzelgänger gemacht"38, heißt es 1983 in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises.
Ein weiteres Ärgernis ist das Fehlen Schnurres in einem der wichtigsten neueren Nachschlagewerke, das 1993 ebenfalls bei Reclam erschienen ist: Deutsche Dichter: Leben und Werk deutschsprachiger Autoren vom Mittelalter bis zur Gegenwart.39 Daß dies kein Einzelfall ist, belegt ein Blick in eine weitere neuere Übersichtsdarstellung, die ebenfalls 1993 erschienene Geschichte der deutschsprachigen Literatur seit 1945,40 in der Schnurre nur in Nebensätzen erwähnt wird. Glaubte man vor wenigen Jahren noch, daß sich Schnurre - zumindest mit seinen frühen Kurzgeschichten - einen festen Namen in der deutschen Nachkriegsliteratur gemacht habe, muß man sich nun eines Besseren belehren lassen.
Schnurres Lyrik ist es kaum besser ergangen: In Hermann Kortes Geschichte der deutschen Lyrik seit 1945 41 wird Schnurres lyrisches Schaffen sowie seine Rolle als 'Kahlschlaglyriker' in weniger als zehn Zeilen 'gewürdigt'. In den 1990 erschienenen Arbeitstexten für den Unterricht Gedichte seit 1945 sucht man Schnurres Gedichte vergeblich.42 Bei allen Problemen der Auswahl fragt man sich, warum Schnurres Gedichte den drei Kriterien des Herausgebers nicht genügten. "Ästhetischer", "dokumentarischer" und "didaktischer Wert"43 scheinen hier wie auch in anderen Fällen von einem subjektiven Kriterium überlagert worden zu sein: "Nur wenn ich also selbst mit einem Gedicht etwas 'anfangen' konnte, nahm ich es in die Sammlung auf"44, schreibt der Herausgeber freimütig.
Die Schwierigkeiten, etwas mit Schnurres Werk "anfangen zu können", rühren sicherlich daher, daß es, allzu enggefaßte Leseerwartungen irritierend, oft als sperrig oder disparat eingestuft wird.45 Einer der wenigen Kritiker, die in Schnurres vielfältigem Oeuvre seinen besonderen Reiz erkannten, war Karl Krolow, für den es nicht nur den Schnurre der "durch die Zähne gepfiffenen Prosa"46 gibt, sondern auch den Schnurre der leisen und zarten Zwischentöne. Krolow trifft den Kern der einseitigen Rezeption Schnurres, wenn er beobachtet, daß "das Sperrige, Eckige, Widerständige, Unbequeme eher gesehen und geschätzt"47 wurde als die "leisere Seite seines Wesens und Schreibens"48.
Die Ausgrenzung Schnurres hat Folgen, die weit über die literaturhistorische Kanonbildung und die Curriculaplanung an den Schulen und Hochschulen hinausgehen und selbst die Stadtgeschichtsschreibung affizieren. Für Schnurre war die Stadt Berlin ein unverzichtbarer Nährboden seines Schreibens. Er lebte dort von 1928 bis zur Einberufung 1939 und nach dem Krieg von 1946 bis in die frühen achtziger Jahre, insgesamt also gut 45 Jahre. In seinem Werk hat er Berlin ein Denkmal gesetzt, die Stadt ist Schauplatz fast aller seiner Bücher. Ebenso wie für Heinrich Böll die rheinische Metropole Köln zum "Lebensthema und -medium seines gesamten Werks"49 wurde und genauso wie Günter Grass in seinem Werk immer wieder auf Danzig rekurriert, läßt sich Schnurres Werk nicht von Berlin trennen. Schnurre konnte auf Berlin nicht verzichten, aber umgekehrt scheint dies sehr leicht möglich zu sein. Blättert man in dem 1.548 Seiten starken Berlin-Handbuch,50 drängt sich die Schlußfolgerung auf, daß die deutsche Hauptstadt Wolfdietrich Schnurre vergessen hat. Während Günter Grass, Walter Höllerer, Michael Hamburger, Reiner Kunze, Christa Wolf und viele andere Schriftsteller in zahlreichen Einträgen und Hinweisen präsent sind, gibt es zu Schnurre nicht einen einzigen Eintrag. Den Kritikern und Rezensenten in den Feuilletonredaktionen scheint es auch nicht weiter aufgefallen zu sein, daß dieses Versäumnis einem literaturhistorischen Skandal gleichkommt.
Einer der ersten, die den "geringen Widerhall" von Schnurres Werk mit "den Eigentümlichkeiten seiner Persönlichkeit"51 in Verbindung brachten, war Marcel Reich-Ranicki in seinem 1963 veröffentlichten kontroversen Aufsatz "Der militante Kauz Wolfdietrich Schnurre"52, den Schnurre mit seinem Artikel "Mit der Elle des Persönlichen"53 konterte. Sicherlich, Schnurre hat sich nie sonderlich beliebt gemacht, er wirkte ärgerlich und unversöhnlich, zuweilen auch zornig und polemisch, wenn er Stellung bezog zu tagespolitischen Fragen während der Adenauerzeit oder der Teilung Deutschlands und sich einmischte in das Geschäft der Politiker, um seiner moralischen Empörung Ausdruck zu verleihen. Von dieser Haltung rückte Schnurre im Alter ab, nicht mehr missionarisch-pädagogisch wollte er wirken, sondern schlicht "einen Denkanstoß [...] geben"54. Aber die obsessiv wiederkehrende Verarbeitung des Schuldthemas, die Erinnerung daran, daß Gewalt in uns allen steckt und nur vom dünnen Zivilisationslack zugedeckt wird und der Versuch der "deutsch-jüdischen Symbiose"55 dürften wenig dazu beigetragen haben, ihn in Verlags- und Zeitungshäusern, Rundfunk- und Fernsehredaktionen beliebter zu machen. Schnurre scheint eben genau deswegen vom Kulturbetrieb marginalisiert zu werden, weil er für einen "Bestandteil jener jahrzehntelangen moralischen Belehrung [ge]halten [wird], von der [die Deutschen] nichts mehr hören wollen".56 Nimmt man dann noch ein im Zuge des Postmodernismus gewandeltes Leseinteresse hinzu, dem Geschichtlichkeit und Individualität zuwider ist,57 dann steht es um Schnurres Integration in den Literaturkanon schlecht. Das vordringliche Interesse am Individuum und die Abneigung gegenüber Generalisierungen und Stereotypisierungen durchziehen Schnurres gesamtes Werk ebenso wie eine anscheinend aus der Mode gekommene Parteinahme für die Schwachen und Ausgegrenzten der Gesellschaft. Wo sich eine Wohlstandslethargie breitmacht und eine rührselige Nabelschau abgehalten wird, dürfte kaum Platz sein für einen Schriftsteller, der auf eine ganz altmodische Weise zu unterhalten sucht, indem er für einen Schriftsteller etwas ganz Selbstverständliches tut, nämlich "mit literarischen Mitteln beim Publikum Interesse für ein Thema, Anteilnahme an einer Figur, Neugier auf ein Geschehen"58 weckt und wachhält.
Nahezu ohne Resonanz geblieben ist Schnurres 1976 veröffentlichter Band Ich brauch dich,59 in dem er eine kunstvolle assoziative Dialogtechnik einsetzt und in insgesamt 26 Geschichten die Spätfolgen des Krieges sowie - als Hauptthema - die Verletzlichkeit der Liebe zwischen Selbstverzicht und -verwirklichung darstellt. Hier stellt Schnurre zeitgemäßere Themen dar und hat seinen neuen Stil gefunden, bei dem "der Autor mundtot gemacht"60 wird und der mithilfe einer stark stilisierten Umgangssprache die frühe Kahlschlagprosa fortentwickelt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Schnurre seinen literarischen Stil verfeinerte und seine Themenpalette erweiterte, ist sein letztes Buch, Zigeunerballade,61 in dem er eines seiner Lieblingsthemen weiterführt, die Ausgrenzung sogenannter Randgruppen. In den 80 "Winzigstkapiteln in Short-story-Zuschnitt"62 dieses Miniromans wendet sich Schnurre dem Zigeuner-Thema zu, einem Thema, das er schon in "Jenö war mein Freund" (in Als Vaters Bart noch rot war, 1958) gestaltete. Hier zieht er noch einmal alle Register seiner Fabulierkunst: Auf Metaphorisierungen und Poetisierungen gänzlich verzichtend, gelingt ihm eine in der deutschen Literatur rare Hommage an die vom Aussterben bedrohte Kultur der Sinti und Roma. Zur Stimmigkeit der Atmosphäre trägt Schnurres Realitätswissen bei, das er sich in jahrzehntelangem Studium der Gebräuche der Sinti und Roma aneignete und das ähnlich beeindruckt wie seine fundierte Kenntnis des Judentums in dem Roman Ein Unglücksfall.
Daß Wolfdietrich Schnurre den Mauerfall nicht mehr miterleben konnte, macht eine besondere Tragik seines Lebens aus. Was würde er zu der gewaltlosen Öffnung der Grenze und dem nachfolgenden Katzenjammer gesagt haben?
Liegt es einfach an der gegenwärtig zu beobachtenden Larmoyanz in der vereinigten Republik, daß ein Autor wie Wolfdietrich Schnurre nicht mehr wahrgenommen wird? Oder liegt es einfach am Generationswechsel in Lektoraten und Redaktionen? Gerade in Zeiten, wo sich Unsicherheit breitmacht, wo über die kulturelle Identität der Deutschen nachgegrübelt wird, ja, wo sogar der anglo-amerikanischen Literatur "Fintenreichtum"63 unterstellt wird, um den deutschen Literaturmarkt zu erobern, wäre es doch angebracht, Bilanz zu ziehen, sich des Vorhandenen zu vergewissern, anstatt unablässig auf den großen deutschen Zeitroman zu hoffen - bei Schnurre findet man ein fruchtbares Feld, das weitgehend unbeackert ist und einige germanistische Früchte hervorbringen könnte, z. B. die bislang nur in Ansätzen untersuchte Entwicklung von Schnurres Stil, die Entwicklung seiner zentralen Motive (Schuld, Vergänglichkeit, Tod, Liebe, Ethik), Schnurres Stellung als Lesebuchautor nicht nur in Deutschland64 etc.
Schnurre war Kurzgeschichtenschreiber, Lyriker, Hör- und Fernsehspielautor, Buch-Rezensent, Theater- und Filmkritiker, Kinderbuchautor, Buchillustrator - Romancier jedoch war er nie so richtig. Bis auf den Roman Ein Unglücksfall (1981) sind seine geplanten Romane Entwürfe geblieben. Der Schattenfotograf (1978) hat zwar die Länge eines Romans, ist aber eine Sammlung von Geschichten und Anekdoten, Autobiographischem und Reflexionen. Es erging Schnurre mit seinen Romanen ganz ähnlich wie dem kleinen Bruno in der Geschichte "Wovon man lebt" in Als Vaters Bart noch rot war (1958), der sich wie jedes Kind zum Osterfest ein gefülltes Schokoladen-Osterei wünscht. Sein Vater kann sich in jenem Jahr kein Geschenk leisten, wohl aber kraft seiner Phantasie ein prächtiges Osterei erfinden und den Jungen sogar auf die Suche nach dem imaginären Super-Osterei schicken, auch wenn ihm selbst das Herz dabei blutet und manchem Leser die Tränen der Rührung in die Augen schießen: "Wenn es das Ei auch nicht gab", sagt Vater, belauscht von Bruno, auf dem Heimweh von dem Osterausflug, "es war wirklicher als ein wirkliches Ei; man hat ja schon bald selbst dran geglaubt." (S. 32) Die Glücksvorstellung, die Vater dann vorträgt, weist ihn als idealistisches alter ego Schnurres aus: "Wunschbilder, die nicht in Erfüllung gehen, machen die wahre Glückseligkeit aus." (S. 32)
Schnurre war in erster Linie ein Verfasser von Geschichten, und in seinem Buch Der Schattenfotograf kontrastiert er die zwei grundverschiedenen Autorentypen:
Romane waren Schnurres Sache nicht, und nach der Lektüre von Walter Benjamin kommt er im Schattenfotografen zu dem folgenden hellsichtigen Resümee, das auch Antwort gibt auf die Frage, warum Schnurre es nicht zum Durchbruch als Romancier brachte:
1 Wolfdietrich Schnurre: "Gedenken", in: Kassiber und neue Gedichte (Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein, 1979 [Ullstein-Buch; Bd. 26072]), S. 117.
2 Marcel Reich-Ranicki: "Der militante Kauz Wolfdietrich Schnurre", in: Deutsche Literatur in West und Ost: Prosa seit 1945 (Reinbek: Rowohlt, 1970), S. 99.
3 Wolfdietrich Schnurre: "Autobiographisches Nachwort", in: Ein Fall für Herrn Schmidt: Erzählungen (Stuttgart: Reclam, 1962 [= RUB; Bd. 8677]), S. 74-75.
4 Wolfdietrich Schnurre: "Wahrheit", in: Die Pausen zwischen den Worten: Dichter über ihre Gedichte, hrsg. v. Rudolf Riedler (München und Zürich: Piper, 1986 [= SP; Bd. 638]), S. 99.
5 Vergl. Erhard Herzig: "Nachtrag", in: Wochenpost, Berlin (10.2.94), S. 34.
6 Marjorie Miller: "Postscript: Lover's Secret Past Seen as Key to Peace Activist's Violent End", in: Los Angeles World Report: A Special Section Produced in Cooperation with The Korea Times (Seoul, 12. Nov. 1994), S. 8.
7 Vergl. Mathias Adelhoefer: Wolfdietrich Schnurre, ein deutscher Nachkriegsautor, mit einer Vorbemerkung von Marina Schnurre (Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsges., 1990), S. 89.
8 In: Büchner-Preis-Reden 1972-1983, mit einem Vorwort von Herbert Heckmann (Stuttgart: Reclam, 1984 [= RUB; Bd. 8011]), S. 199.
9 Vergl. Ilse-Rose Warg: "Doch ich krümm mich um alles, was lebt": Wolfdietrich Schnurres lyrisches Schaffen (New York u.a.: Peter Lang, 1993), S. 56.
10 Krolow, S. 207.
11 Peter Nusser: "Schnurre, Wolfdietrich", in: Metzler Autoren Lexikon: Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart, hrsg. v. Bernd Lutz (Stuttgart: Metzler, 1986), S. 555.
12 Ebd.
13 Wolfdietrich Schnurre: Der Schattenfotograf (Frankfurt, Berlin, Wien: Ullstein, 1981), S. 184.
14 Klappentext.
15 (Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein, 1984 [= Ullstein-Buch; Bd. 26008]), S. 7.
16 Der Schattenfotograf, S. 49.
17 Ebd., S. 170.
18 Nino Erné: "'Worte wie Pfähle - geteert gegen Fäulnis'", in: Welt am Sonntag (26.11.78).
19 Krolow, S. 199.
20 Vergl. Adelhoefer, S. 101; sowie: Warg, S. 56.
21 Schnurre im Gespräch mit Adelhoefer, a.a.O., S. 101.
22 "Gespräch Wolfdietrich Schnurres mit Margit von Waltershausen", in: Deutsche Autoren heute, Teil 5 (Bonn: Inter Nationes, o.J.), S. 16.
23 Schnurre im Gespräch mit Adelhoefer, a.a.O., S. 100.
24 Vergl. ebd., S. 101.
25 Vergl. ebd., S. 100.
26 Der Schattenfotograf, S. 495.
27Schnurre im Gespräch mit Adelhoefer, a.a.O., S. 104.
28 1993/94, S. 11165.
29 Spreezimmer möbliert: Hörspiele, mit e. Nachw. von Dieter Hasselblat (München: dtv, 1967).
30 Die Mauer des 13. August (Berlin 1962) und Berlin: Eine Stadt wird geteilt: Eine Bilddokumentation (Olten: Walter-Verlag, 1963).
31 Wolfdietrich Schnurres "Kassiber": Eine systematische Interpretation (Bonn: Bouvier-Verlag, 1980).
32 Vergl. Anm. 7.
33 Vergl. Anm. 9.
34 Wolfdietrich Schnurres Nachlaß: Katalogisierung, Systematisierung und Darstellung der Werkgeschichte (Paderborn: Igel-Verlag, 1993 [= Literatur- und Medienwissenschaft; Bd. 19]).
35 Für die Sekundarstufe hrsg. v. Theodor Karst (Stuttgart [= RUB; Bd. 15032]).
36 Die bekanntesten Geschichten zu dem Thema sind "Steppenkopp", "Ein Fall für Herrn Schmidt", "Veitel und seine Gäste", "Und Richard lebt auch nicht mehr"; vergl. auch Mathias Adelhoefer: "'Zigeunerballade' von Wolfdietrich Schnurre", in: Brückenschlag, Bd. 7 (1991), S. 217.
37 Schnurre im Gespräch mit Adelhoefer, a.a.O., S. 102.
38 Wolfdietrich Schnurre: "Büchnerpreis-Rede", in: Büchner-Preis-Reden 1972-1983, mit einem Vorwort von Herbert Heckmann (Stuttgart: Reclam, 1984 [= RUB; Bd. 8011]), S. 219.
39 Hrsg. von Gunter E. Grimm und Frank Rainer Max (Stuttgart 1993). - Natürlich ist hier keine Verlagsschelte beabsichtigt, daher sei auf die rühmliche Sammlung Ein Fall für Herrn Schmidt: Erzählungen bei Reclam, bereits 1962 erschienen, hingewiesen (= RUB; Bd. 8677). Auch in der wichtigen Anthologie Erzählte Zeit: 50 deutsche Kurzgeschichten der Gegenwart, hrsg. v. Manfred Durzak (Stuttgart: Reclam, 1980 [= RUB; Bd. 9996]) ist Schnurre mit zwei seiner besten Kurzgeschichten, "Das Manöver" und "Auf der Flucht", enthalten. Auch in Dichter-Porträts: Bilder und Daten, zusammengestellt v. Gunter Grimm et. al. (Stuttgart: Reclam, 1992), ist Schnurre mit einem Eintrag vertreten.
40 Hrsg. v. Ralf Schnell (Stuttgart und Weimar: Metzler); abgesehen von einigen einzeiligen Nennungen wird Schnurre nur im "Autoren-Lexikon" des Bandes mit 50 Zeilen erwähnt, s. S. 584.
41 (Stuttgart: Metzler, 1989 [= Sammlung Metzler; Bd. 250]).
42 Hrsg. v. Otto Knörrich (Stuttgart: Reclam [= RUB; Bd. 15016]). Auch in dem folgenden Band wird Schnurre ausgelassen: Deutsche Gegenwartslyrik: Eine poetologische Einführung, für die Sekundarstufe hrsg. v. Hans-Joachim Willberg (Stuttgart: Reclam, 1989 [= RUB; Bd. 15010]).
43 Knörrich, ebd., S. 8.
44 Ebd., S. 9.
45 Vergl. Marcel Reich-Ranicki, S. 102.
46 Krolow, S. 201.
47 Ebd., S. 204.
48 Ebd.
49 Klaus Jeziorkowski: "Heinrich Böll", in: Deutsche Dichter: Leben und Werk deutschsprachiger Autoren vom Mittelalter bis zur Gegenwart, hrsg. von Gunter E. Grimm und Frank Rainer Max (Stuttgart: Reclam, 1993), S. 773.
50 Das Lexikon der Bundeshauptstadt, hrsg. vom Presse- und Informationsamt des Landes Berlin (Berlin: FAB Verlag, 1992).
51 Reich-Ranicki, S. 101.
52 Vergl. Anm. 2.
53 In: Die Zeit (31.1.1964); unter dem Titel "Das stumpfe Florett" in: Gelernt ist gelernt: Gesellenstücke (Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein, 1984 [= Ullstein-Buch; Bd. 26102]), S. 110-113.
54 Schnurre im Gespräch mit Adelhoefer, a.a.O., S. 100.
55 Im Roman Ein Unglücksfall, Klappentext.
56 Sten Nadolny: "Der Deutsche möchte gut sein - also hält er sich raus", in: Die Zeit (25.9.92), S. 60.
57 Vergl. Helmut Böttiger: "Konsumentenvergnügen: Literarisches Vergnügen auf dem Couchtisch", in: Deutsche Literatur 1993, Jahresüberblick, hrsg. von Franz Josef Görtz, Volker Hage und Uwe Wittstock unter Mitarb. von Katharina Frühe (Stuttgart: Reclam, 1994 [= RUB; Bd. 8870]), S. 324-5.
58 Uwe Wittstock: "Autoren in der Sackgasse: Warum die deutsche Literatur weitgehend langweilig geworden ist", in: Deutsche Literatur 1993, Jahresüberblick, hrsg. von Franz Josef Görtz, Volker Hage und Uwe Wittstock unter Mitarb. von Katharina Frühe (Stuttgart: Reclam, 1994 [= RUB; Bd. 8870]), S. 339.
59 Vergl. jedoch Alan Corkhill: "Überlegungen zur Binnenstruktur von Wolfdietrich Schnurres Dialoggeschichten 'Ich brauch Dich'", in: Der Deutschunterricht 5 (1986), S. 35-46.
60 Der Schattenfotograf, S. 48.
61 Mit Zeichnungen von Marina Schnurre (Frankfurt/M. und Berlin: Limes, 1988).
62Der Schattenfotograf, S. 107.
63 Harry Nutt: "Abseitsfalle umspielen", in: Deutsche Literatur 1993, Jahresüberblick, hrsg. von Franz Josef Görtz, Volker Hage und Uwe Wittstock unter Mitarb. von Katharina Frühe (Stuttgart: Reclam, 1994 [= RUB; Bd. 8870]), S. 229-330.
64 Vergl. Warg, S. 171.